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Martinskirche


 

Evangelische Martinskirche
Kirchgasse, 55270 Jugenheim

Die Jugenheimer Martinskirche ist ein barockes Gesamtkunstwerk, das neben seiner kunsthistorischen Bedeutung als Gesamtbauwerk weitere Kunstwerke in sich birgt. Dazu gehören die gotischen Wandmalereien im Turmraum aus dem Jahr 1420, die Anfang der achtziger Jahre aufwendig restauriert wurden und die historische Wegmann-Orgel von 1762, im Jahr 1991 restauriert.
 
Die Jugenheimer Kirche ist eine der wichtigsten unversehrt gebliebenen Sakralbauten des nassauisch-saarbrückischen Generalbaudirektors Friedrich Joachim Stengel. Sie wurde nach dem Abbruch einer alten baufällig gewordenen gotischen Kirche von 1769 bis 1775 errichtet.
 
"Unter den kirchlichen Denkmälern aus der Barockzeit nimmt die Jugenheimer Martinskirche eine herausragende Stellung ein. Ihr mächtiger, durch den z. T. mittelalterlichen Turm noch gesteigerter Baukörper beherrscht eindrucksvoll das Ortsbild, trotz der sich immer weiter ausbreitenden modernen Bebauung. Schon von weitem bilden der Turm mit der ausgewogenen geschweiften Haube mit ihrer hohen Laterne, der kräftige Saalbau mit seinen schlanken Fenstern, und die umstehenden breitkronigen Bäume den architektonischen Höhepunkt von Jugenheim" (R. Dölling, Die Bau- und Kunstdenkmäler in der Verbandsgemeinde Nieder-Olm, in: Nieder-Olm: Der Raum der Verbandsgemeinde in Geschichte und Gegenwart, hrsg. v. K.H. Spieß, Alzey, 1983, S. 340 ff.)
 
Die Martinskirche, ein typischer protestantischer Sakralbau des 18. Jahrhundert, ist eine Quersaalkirche, ein unverwechselbarer evangelischer Bau, charakterisiert durch den im Mittelpunkt stehenden Kanzelaltar. Die theologischen Voraussetzungen hierzu beruhen auf Luther, wonach Wort und Sakrament als Träger der Gemeinde zu verstehen sind, das Wort in Gestalt der Predigt ist dem Altar übergeordnet, was durch die Überhöhung der Kanzel zum Ausdruck kommt.
 
Die Bänke sowie die in Hufeisenform angelegten Emporen gruppieren sich um Kanzel und Altar, die die Mitte der westlichen Längswand einnehmen. Der truhenförmige Altar steht frei im Raum. Seine Front gliedert ein Rokokorahmen. Die Kanzel hängt als so genannte Wandkanzel erhöht über der zur Sakristei. Sie ist von rückwärts über eine Wendeltreppe im Turmraum erreichbar. Der hölzerne Kanzelkorb, über der Konsole ansetzend und der Schalldeckel, in gesimsartiger Bekrönung ausklingend heben den liturgischen und ästhetischen Mittelpunkt des Raums hervor. (H.C. Dittscheid, J. Glatz, Jugenheim in Rheinhessen, Heft 261, Rhein. Kunststätten, 2. Aufl. 1992, S. 17).
 
Wie der Außenbau hat der Innenraum der Jugenheimer Kirche seinen originalen Charakter weitgehend beibehalten können.
 
Die Orgel stammt aus der ehemaligen Welschnonnenkirche in Mainz. Sie wurde 1762 von den Gebrüdern Wegmann aus Frankfurt gebaut und nach der Säkularisation 1804 von der Jugenheimer Evangelischen Kirchengemeinde samt originaler Orgelbrüstung gekauft und eingebaut. 1991 wurde die Orgel von der Fa. Förster und Nicolaus, Lich, aufwendig restauriert und in den historischen Ursprungszustand mit den Keilbälgen, die mit Füßen bedient werden, zurückversetzt. Das Pedal umfasst 15 Töne und ist, wie im süddeutschen Raum üblich, um eine Quint nach unten versetzt. Die 18 Register bilden einen einmaligen musikalischen Klangkörper, der immer wieder im Mittelpunkt zahlreicher Kirchenkonzerte steht.
 
Die gotischen Wandmalereien im Turmraum stammen nach Aussagen von Kunsthistorikern aus dem Jahr 1420. Sie bilden die Krönung des Altarraums der Kirche aus dem 11. Jahrhundert. Im Gewände des Ostfensters ist oben der auf dem Regenbogen thronende Christus dargestellt. Er hat beide Hände erhoben und zeigt seine Wundmale. Umgeben ist er von einer Gloriole. Zu beiden Seiten kleine posaunenblasende Engel, die auf das Weltgericht hinweisen. Unter gotischen Maßwerkbaldachinen sind rechts und links Maria und Johannes der Täufer zu sehen. Während das Nordfenster den von Petrus angeführten Zug der Seligen zum Himmel zeigt, sind im Südfenster gegenüber der Engel mit dem Richtschwert und der Zug der Verdammten zur Hölle zu sehen. Über der Darstellung des Petrus ist ein Engel zu sehen, der auf einem himmlischen Instrument spielt, einer Handorgel, während auf der gegenüberliegenden Seite ein Teufel mit einem Dudelsack die Verdammten auf dem Weg zur Hölle peinigt.
 
Die drei Teile der Weltgerichtsdarstellung (Christus mit Maria und Johannes, die Himmel und die Höllenszene) sind so angeordnet, dass sie für die Gläubigen vom abgerissenen Langhaus der alten Kirche aus als Gesamtbild zu sehen waren.
 
Das eindrücklichste Bild behandelt die Leidensgeschichte Jesu. Christus im Garten Gethsemane am Ölberg, über ihm die segnende Hand Gottes, vor ihm steht der Kelch.
 
Zu Füssen Christi sind drei schlafende Apostel zu sehen. Im Südfenster, als Kontrast zu den Höllenszenen, Darstellungen aus den Auferstehungserzählungen.
 
Ein gotisches Sakramentshäuschen diente in der Zeit, als die Kirche noch katholisch war, der Aufbewahrung des Tabernakels, der geweihten Hostien. Die Tür nach außen bildet ebenfalls eine kunstgeschichtliche Besonderheit, sie ist mit handgeschmiedeten Schmuckbelägen aus dem 15. Jahrhundert versehen.
 

 

 
Eine detaillierte Darstellung des historischen Ortskerns von Jugenheim, der Martinskirche und der Wandmalereien findet sich im Heft "Rheinische Kunststätten", Nr. 26, Jugenheim.
 
Es liegt in der Kirche zum Kauf aus und ist über diesen Kontakt zu beziehen.