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Rede von Prof. Dr. Salvatore Barbaro zur Eröffnung der Ausstellung "Lebenszyklen"


Die Rolle der Kunst in Kirchen im Laufe der Jahrhunderte
 

Laudatio von Prof. Dr. Salvatore Barbaro Staatssekretär im Ministerium für Wissenschaft, Weiterbildung und Kultur und zuständig für Kirchen, Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften zur Eröffnung der Ausstellung "Lebenszyklen" mit Arbeiten von Carmen Stahlschmidt und Rosi Röhm in der Jugenheimer Martinskirche im Rahmen der 1250-Jahrfeier von Jugenheim am 13. Mai 2017.
 
 
Sehr geehrte Damen und Herren,
  
Wir gehen nun - sportlich - in einer viertel Stunde auf Zeitreise durch zwei Jahrtausende Kunstgeschichte, die zeitgleich die Geschichte von zweitausend Jahren Kirchenkunst ist. Kunstgeschichte teilt sich grundsätzlich in den Profanen und Sakralen Bereich auf. Da die Institution Kirche, neben den weltlichen Herrschern, über Jahrhunderte hinweg größter und bester Auftraggeber von alledem war, was wir unter Kunst zusammenfassen können, wundert das kaum. Vielmehr ist es ein großes Glück, denn auch heute noch sind Kirchen deutlich in jedem Stadtbild zu erkennen und - selbst wenn sie stark zerstört wurden - vieles über die Zeit verraten. Die Martinskirche ist hierfür mit ihrer eigenen Geschichte, die im Grunde im 13. Jahrhundert beginnt, auch wenn der Raum, der uns heute umgibt und diese wunderbare Ausstellung beherbergt, aus dem 18. Jahrhundert stammt, ein gutes Beispiel.
 
Um 2000 Jahre Kirchenkunst und ihre Rolle im Wechsel der Jahrhunderte vorzustellen - und das ganze ohne Bilder - also nur mit Ihrer Fantasie und Vorstellungskraft, geht das meines Erachtens am besten über einen etwas gewagten Weg, den ich Ihnen kurz skizzieren möchte.
 
Lassen Sie uns in Gedanken eine Kirche bauen, diese ausstatten, umbauen, niederreißen und wiedererrichten. 
 
Brände, Plünderungen und Zerstörung gehören zu dieser Geschichte, ebenso wie der erhabene und beabsichtigte Eindruck, wenn sie in all´ Ihrer Schönheit und Vollkommenheit fertiggestellt ist und von weitem jedem Besucher der Stadt - denn sie ist mit ihren Türmen das höchste Gebäude - signalisiert, welche Machtposition erwartet werden kann. 
 
Zweitausend Jahre Zeitgeschichte liegen vor uns - also lassen Sie uns beginnen - wir haben keine Zeit zu verlieren: 
 
Die ersten drei Jahrhunderte nach Christus sind verstrichen. Eine Zeit, in der sich das junge Christentum etablieren wollte, als Sekte galt, neben dem vielköpfigen Götterhimmel der Römer bestehen musste und systematisch verfolgt wurde. Der Glaube wird lange im Verborgenen gelebt, eine kleine mit Wandmalereien ausgestattete Hauskirche - ein einzelner Raum in einem kleinen Gebäude - ist der Ort, um den Glauben zu leben. Konstantin der Große verhilft dem Christentum zur Wende, denn sein Sieg an der Milvischen Brücke im Jahre 312 gelang unter dem Zeichen Christi - ein kluger Schachzug. Einige Jahrzehnte später wird dann auch das Christentum offiziell zur Staatsreligion anerkannt. Ein guter Zeitpunkt, um unsere Kirche zu errichten.
 
Es wird eine Basilika, ein großer, langgestreckter Raum mit hochrechteckigen großen Fenstern an den Seiten, der an der Stirnseite einen halbrunden Abschluss, die Apsis, besitzt. Der große, einschiffige Saal eignet sich wunderbar, um an Fußböden und Wänden sowie im Altarbereich in der Apsis aus abertausenden farbigen Steinchen Mosaike auf die Fläche zu bringen und damit Geschichten aus der Bibel prachtvoll darzustellen - abgesehen von dem enormen dekorativen Effekt, dem Reichtum und der politischen Machtansage, die dahinterstecken können. Die Decke bleibt flach und in diesem Fall unverziert. Der Vorteil: Man muss nicht lesen können, um zu verstehen. Die Bilder erklären sich von selbst.
 
Sie illustrieren christliche Inhalte, sie erzählen die Legenden von Heiligen, sie berichten vom Tod Christi und von seiner Auferstehung. Das Himmlische Jerusalem wird in einem irdischen Kirchenraum visualisiert. Für den wachsamen und gebildeten Betrachter, werden zudem Machtansprüche und Gesellschaftssysteme deutlich.
 
Eine Alternative zu Mosaiken wäre auch die Wandmalerei, um großflächig die gleichen narrativen Szenen auf die Wand zu bringen.
 
Im 8. Jahrhundert werden Stimmen laut, dass der Bilderkult ein Ende haben muss. Die Mosaiken werden abgeschlagen oder - im besten Falle - nur überdeckt. Symbole werden zu Stellvertretern des christlichen Personenspektrums, das Kreuz steht alleine. Der Streit um die Bilder hat nun vollends begonnen. Manchmal geht er mit einer massiven Zerstörung der Bildwerke einher, manchmal nur verbal.
 
Langsam aber sicher kommen wir in die Nähe des 10. Jahrhunderts, es wird Zeit, unsere Kirche etwas auszubauen. Ein langgestreckter Saal reicht nicht aus, so dass wir links und rechts an den Langseiten des Gebäudes je ein weiteres "Schiff" anbauen und unsere Basilika nun ein alles überragendes Mittelschiff besitzt, dass durch runde, schwere Bögen von den niedrigeren Seiten abgeteilt wird. Licht fällt jetzt nur noch über den Obergaden und die Seitenschiffe ein. Die Fenster werden kleiner, das Raumgefühl dunkler. Die flache Decke allerdings muss weichen und Kreuzgradgewölbe werden eingezogen. Die Bauskulptur besteht bei dieser Kirche aus Blatt- und Rankenwerk, wobei sich dazwischen auch symbolbehaftete Fabelwesen aus der damaligen Literatur und natürlich Christusfiguren und weiteres biblisches Personal finden lassen. Im Innenraum werden die Wände wieder mit Malereien verziert, der Altarraum der Zeit entsprechend durchaus prächtig ausgestattet und die Fenster meist einfarbig verglast.
 
Teil des Kirchenschatzes ist ein prachtvolles Evangeliar, das in einem der bekannten Skriptorien dieser Zeit entstanden ist.
 
Die Zeit vergeht schnell und ehe wir uns versehen hält die Gotik Einzug. Wir betrachten unsere Kirche, die mächtig, aber eben auch dunkel und gedrungen wirkt. Die Wände müssen aufgebrochen werden, der Raum muss in die Höhe ragen - Licht ist die Lösung des Problems. Zumindest nördlich der Alpen, denn in Italien belächelt man - etwas später, kurz nach 1500 - abfällig diese Barbarenkunst, woher die Gotik, geprägt durch Giorgio Vasari, auch ihren Namen hat.
 
Die einst romanische Kirche wird an den Außenwänden der Seitenschiffe aufgebrochen, gotische Kapellen mit dem typischen, filigranen Maßwerk werden angesetzt und verändern das Raumgefühl grundlegend. Ein Rippengewölbe wird eingezogen, die Fenster vergrößert, die Mauern erhöht, die Türme verziert, die Säulen gebündelt, die Außenwand durch Strebepfeiler verstärkt. Jetzt noch an der einen oder anderen Stelle kleine Fialen und Krabben sowie figürliche Wasserspeier anbringen, schlanke Skulpturen mit edlen Zügen aufstellen und die Außenwirkung ist enorm. Nun zum Innenraum: Wandmalereien sind nur ein Teil der Ausstattung, weiter finden sich dort Schnitzaltäre, Tafelmalereien, goldene Schreine, geschnitzte Chorgestühle, vergoldete Wandflächen und - zum krönen-den Abschluss - bunte Glasmalereien in den riesigen Fensterflächen. Die Kirche selbst kann - wie am Beispiel der Sainte-Chapelle in Paris - durch die Kunst selbst zum Schrein werden. Die Kunst steigert in diesem Fall den materiellen wie immateriellen Wert des Gebäudes, die Kunst ist Trägerin der christlichen wie politischen Botschaft.
 
Auch die Gotik vergeht, die Renaissance kommt, sollte unsere Kirche nicht durch Brände oder eine noch nicht ganz ausgefeilte Statik zerstört worden sein, wird sie lediglich um ein paar Grabdenkmäler im wiedererkennbaren Stil der Zeit ergänzt. Ebenfalls Giorgio Vasari war es, der den Begriff der Renaissance geprägt hat, die eine Form der "Wiedergeburt" (rinascita) der Antike war. Mit der Renaissance beginnt die Neuzeit, die Kunst verändert sich und wir verlassen das Mittelalter.
 
Leider nicht, ohne im 16. Jahrhundert einen weiteren Bildersturm zu erleben, dem viele der bis dahin erhaltenen Kunstobjekte in Kirchen im Zuge der Reformation zum Opfer fallen. Auch wenn unsere Kirche mitsamt der Ausstattung gut finanziert werden konnte, gab es an anderer Stelle, unter anderem in Rom im Zuge des Neubaus von St. Peter 1517, die alles überschattende Finanzierungsfrage. Ausgerechnet diese löste eine Ablasskampagne aus, die Martin Luther schlussendlich dazu veranlasste, seine generelle Kritik am Ablassverfahren zu verschriftlichen. 500 Jahre liegt dies nun zurück und die Reformation hielt ihren Einzug. Neben den vielen positiven Aspekten, die sie mit sich brachte, waren auch die Bilderstürme, von denen sich Luther selbst distanzierte, eine verwüstende Folge. So auch für unsere Kirche, deren mobile Ausstattung in diesem Zuge verloren geht, wie auch beispielsweise die mittelalterliche Einrichtung der Katharinenkirche in Oppenheim 1565. Erhalten sind dort dennoch - und das macht die Katharinenkirche zu einem einzigartigen und bedeutenden Kirchenbau der Gotik - das Maßwerk, die adeligen Grabdenkmäler der vorreformatorischen wie nachreformatorischen Zeit und ein bedeutender Restbestand an Glasfenstern des 14. bis 16. Jahrhunderts. 
 
Auch unsere Kirche überdauert diese schwere Zeit der Religionskriege und politischen Unruhen und wird durch den Barock gänzlich umdekoriert. Schlicht war gestern, Prunk ist heute. Das Leben wird zur Bühne, jeder Moment wird wichtig. Der Kirchenraum wird barockisiert und der Zeitgeschmack hält Einzug. Da unser Kirchenbau als solcher noch erhalten ist, werden Vasen, Ranken und Girlanden als Bauskulptur angebracht und Spitzdächer durch Kuppeln ersetzt. Eine Mischung aus Marmor, Gold und prächtiger, raumgreifender Malerei gehören zum Dekor des Innenraums. Die Kunst wird Teil einer Inszenierung mit einem prachtvollen Bühnenbild. Ist unsere Kirche in der Substanz zerstört, geht die Tendenz weg von der Basilika, und sie würde zur Saal- oder Hallenkirche werden.
 
Die Kunst verändert sich in der Neuzeit rasant, die Bauwerke verändern sich mit ihr, gleiches gilt für die Künstler und Architekten. Auftraggeber ändern sich, Auftragsinhalte gleich mit. Religion und Kirche erhalten ein anderes Gewicht, Kunstwerke und insbesondere Bilder eine andere, oft weniger überhöhte Bedeutung.
 
Früher lebten die Künstler in Abhängigkeit von ihren Auftraggebern bzw. Auftraggeberinnen, zu der die Kirche als eine der mächtigsten zählte. Niemand wäre auf die Idee gekommen, in ihrer Kunst eine Gegenwelt zu erblicken. Die Aufklärung bereitete den Kunstbegriff der Moderne vor. Emanzipierte sich der Künstler am Ende des Mittelalters zum autonomen Subjekt, so emanzipierte sich am Ende des barocken Feudalismus das Kunstwerk selbst und wurde autonom.
 
Und ehe man sich versieht, vergehen Jahrhunderte. Das 19. Jahrhundert hält Einzug und zwei Stränge in der Kunst laufen parallel: Zum einen gibt es das Bedürfnis, die Kunst vergangener Epochen, insbesondere am Kirchenbau, zu kopieren und eine Welle von "Neo-Stilen" setzt ein. Zum anderen entwickelt sich die logische Gegenbewegung dazu, die verlangt, alles anders zu machen, als bisher. Hierzu gehört auch, über die Kunst mehr auszudrücken, als das, was man sehen kann. Damit löst man sich von der naturalistischen Malweise und fängt zudem Stimmungen, Atmosphären und Emotionen ein, was schlussendlich zur impressionistischen, wie expressionistischen Malerei und final zur völligen Abstraktion und Gegenstandslosigkeit führt.
 
Für das Erscheinungsbild unserer Kirche bleibt diese Entwicklung nicht folgenlos, denn die Barockisierung entspricht nicht mehr dem Zeitgeschmack. Denkmäler werden also wieder abgebrochen und versetzt, Malereien ebenso wie üppige Teile der Bauskulptur entfernt. Und siehe da, das ein oder andere Objekt des Mittelalters, wie beispielsweise unsere Wandmalerei, hat die Zeit überdauert - bis heute ist das so, so auch hier in der Martinskirche zu Jugenheim, deren Kern eine barocke Kirche ist, aber auch noch Teile des gotischen Vorgängerbaus enthält.
 
Im 20. Jahrhundert wird die Tendenz deutlich, nicht nur die Kunst in Innenräumen von Kirchen zu reduzieren und zu abstrahieren, sondern die gleiche Reduktion auch auf den Kirchenbau selbst anzuwenden, was nicht selten zu blanken Betonarchitekturen führte. Unsere Kirche bleibt davon unberührt und wird über die nächsten Jahrzehnte hinweg als ein Zeugnis der Geschichte, mit Kunstwerken aus jeder Epoche, durch Kriege gebeutel, geschützt, erhalten und gepflegt.
 
Die Kunstwerke in Kirchen können heute, wie in vergangenen Zeiten, Aufschluss über Menschen in ihrer jeweiligen Gegenwart geben. An diesen Kunstwerken können Geisteshaltungen, politische Konstellationen, Gesellschaftsmodelle  sowie Kunst- und Ästhetikverständnisse abgelesen werden. Erhaltene Stifterinschriften und Künstlerzitate auf den Objekten selbst geben zudem Aufschluss über Absichten und Wünsche, Anliegen und Ängste von Stiftern und Handwerkern, Künstlern und Rezipienten.
 
Heute wird erneut die Freude an der künstlerischen Ausstattung von Kirchen deutlich und unsere Kirche wird nun zum Abschluss dieser Geschichte mit einem zeitgenössischen Glasfenster von Gerhard Richter, Markus Lüpertz oder Neo Rauch, oder vielleicht einer Skulptur bedacht. Der künstlerische Ansatz hat sich nun verändert, denn Kunst - auch in der Kirche - soll nun anregen, darf anstößig sein, soll hinführen. Erst in der Moderne wurde der Künstler zu seinem eigenen Auftraggeber, sich selbst, seinen Idealen verpflichtet. Die Kunst gilt als wertvoll, weil sie sich nicht gemein macht mit den Interessen der Macht. Die Künstler selbst, gerade des 20. Jahrhunderts, taten viel dafür, ihre Unabhängigkeit unter Beweis zu stellen. 
 
Sie machten sich frei von den Zwängen der Tradition, frei von den Pflichten des handwerklichen Könnens und den Erwartungen des Publikums. Nicht zuletzt deshalb betreibt der Staat bis heute Kunsthochschulen und Museen, stellt finanzielle Mittel zur Verfügung für Kunstförderung, Kunstankäufe und Kulturelle Bildung aus, z.B. für "Jugendkunstschulen" und "Jedem Kind seine Kunst": Er vertraut darauf, dass die Kunst etwas Besonderes und Unabhängiges ist, ein Raum des Ideellen, nicht des Materiellen. Der Staat - Rheinland-Pfalz im Konkreten - investiert in diesen Glauben an die Andersartigkeit. "Das künstlerische und kulturelle Schaffen ist vom Staat zu fördern", heißt es im Artikel 40 der Landesverfassung, der die Basis für die Kulturpolitik des Landes Rheinland-Pfalz bildet. Diesem Auftrag kommt das Land in vielfältiger Weise nach. 
 
Wie wir am Beispiel unseres Gedankenexperimentes gesehen haben, sind Kirchen Orte, die von jeder Zeit, die sie überdauern, etwas bewahren können - sei es über architektonische Elemente oder ihre Kunstwerke. So auch die Martinskirche zu Jugenheim, die zudem einen wunderbaren Raum für Ausstellungen bietet, und damit die Kunst von damals und heute verbindet.